San Francisco – die Unis

May 27th, 2009  |  Published in Aus dem Leben des Björn

Stanford

Ich sitze unter einer Palme, die Vögel zwitschern, die Sonne scheint. Eukalyptus, Hibiskus, Flamingos und alle möglichen exotischen Tiere (und Menschen) füllen das gigantische Gelände, dass vom “Gentleman Farmer” Stanford in eine Universität verwandelt wurde.

“Micro Climate” ist das Stichwort, dass dafür sorgt, dass innerhalb von wenigen Kilometern der Bay Area ein stark anderes Wetter herrscht. Während also die armen San Francisco Touristen frieren, lassen sich die Stanford-Studenten die Sonne auf den Bauch scheinen.

“Man gewöhnt sich an den Gedanken, dass es die nächsten 6 Monate so bleibt” meint mein Gastgeber John, während wir über den Campus laufen. Er ist Dozent für Produktdesign hier in Stanford, und hat nach dem Erlebnis des “Peter Prinzip” innerhalb der Bell Labs seine Fachrichtung gewechselt: So wurde aus dem Computer Scientist ein Produktdesign-Dozent.

Während ich gerade mit VPN-Konfigurationen, Warnhinweisen und anderen Späßen kämpfe, kann ich diesen Schritt absolut nachvollziehen.

Der Blick in sein Büro/Labor bestätigte diese Erfahrung weiter: 

“Es ist irgendwie schade, dass wir bei allen Möglichkeiten des Computers die Wertschätzung für die Handwerkskunst verlieren”. 

Während er mir seine Experimente mit goldenem Schnitt und geometrischen Tricks zeigt, die er mit Laserschnitt und Holzsäge fabriziert hat, wird deutlich, wie überzeugend solch tangible Artefakte die geistige Leistung der Schaffenden dokumentieren. Keines dieser “Spielzeuge” braucht eine Betriebsanleitung, zweitägige Schulung oder Support-Hotline.

Es funktioniert einfach.

Auf dem weiteren Weg über den Campus treffen wir einen Ph.D.-Kandidaten und Kollegen, der gerade Holzschild und Schwert für seinen Sohn bastelt (es ist Sonntag, für so etwas muss die Zeit sein). Wir sprechen über iPhone, Wii und seine Bekanntschaften mit Venture Kapitalisten über die Kinderbetreuungsgruppe seines Sohnes. “Die Kinder von Ihm haben Spielzeug, bei dem ich selbst neidisch werde”. Von den 4 Autos, der Flugzeugsammlung und dem riesigen Haus mal ganz abgesehen.

Kein Wunder, ist doch Stanford der Geburtsort von Silicon Valley, Microsoft und Google. Während der Campus mit neuen Gebäuden von Stiftern immer weiter expandiert, sind natürlich auch die Immobilienpreise immer weiter in die Höhe geklettert. 

Während viele von den IT-Innovationen reich wurden, genießen sicherlich alle das konstant gute Klima im Valley.

Interessanterweise scheint sich die Bevölkerung rund um die Bay recht gleichmäßig verteilt zu haben, sodass auf dem flachen Land rund um das Wasser gebaut wurde. Von den 7 Millionen Bewohnern der Greater Bay Area sind daher nur rund 820 000 Menschen direkt in San Francisco angesiedelt.

Der Rest verteilt sich auf die vielen kleineren Ortschaften rundherum. Stanford sticht dabei aus meiner bisherigen Erfahrung in der Hinsicht heraus, dass es wie eine Art mediterrane Kleinstadt wirkt. Die sandsteinfarbenen Gebäude und das überwiegend grüne Landschaftsbild des weitläufigen Gebiets lassen die Frage aufkommen, ob die Studenten ihre Zeit nur in Vorlesungen und Labors verbringen, oder auch tatsächlich in den Genuss des Klimas kommen.

Heute jedenfalls (am Memorial Day Wochenende) wirkt der Campus wie leergefegt, sodass außer den geparkten Fahrrädern, Golfbuggies und Sonnenschirmen kaum Bewohner dieser Mini-Stadt zu sehen sind.

Ein Grund mehr, die bleibenden Möglichkeiten des Umfelds zu erleben: den Campus noch besser kennen lernen, die ausgiebe Kunstsammlung des Krankenhauses besichtigen. Und die angeblich eleganteste Shopping Mall der USA kennenlernen.

Lektionen: 

1. Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit, und wie viele andere gute Umstände nur in der Retrospektive wirklich wertgeschätzt

2.es gibt tatsächlich echt viele Asiaten in der Bay Area, und auch die kaufen am Memorial Day kräftig bei Burberry, Macy’s und Louis Viton ein.

3. Stanford ist echt ein Ort, an den man sich gewöhnen könnte

 

Berkeley

In aller Früh ging es dann am Dienstag aus dem Bett: Cornflakes, Sachen schnappen, und rund um die Bay nach oben rechts. Berkeley. Dank der guten Pendlerverbindung per Zug und U-Bahn war ich rechtzeitig zur Campus-Tour da, und folge unserer Gruppe quer über das ebenfalls riesige Gelände, das eingebettet in die Stadt Berkeley ist. Ebenfalls elegante Gebäude, viele Grünflächen und eine gute Athmosphäre. Doch “Cal” hat den wesentlichen Unterschied, dass sie als staatliche Uni rund 30.000 Studenten – darunter weniger als 10 Prozent Ausländer – aufweist.

Nach der Campustour hatte ich mich beim Mittagessen in der nahegelegenen Innenstadt mit den Aufnahmekriterien für die Uni auseinandergesetzt: TOEFL, GRE, hoher GPA. Da bleibt noch einiges im Sommer für mich zu tun.

Unbeirrt davon verbrachte ich den Nachmittag und Teile des Abends im Wesentlichen mit einem großen Spaziergang durch Berkeley. Von den kulinarischen und kulturellen Optionen über den weitläufigen Campus bis hin zur Aussicht über die Bay von Oben hat Berkeley bei mir einen noch besseren Gesamteindruck hinterlassen.

Während ich in Stanford oft an den “Bubble”-Effekt* der Jacobs University erinnert wurde, gefällt mir die Einbettung von Berkeley in das heterogene Kleinstadtbild sehr gut.

Im Abendlichen Gespräch mit meinem Host Andrew über Master-Studium, berufliche Perspektiven und mobiler Entwicklung für iPhone und Co bin ich allerdings erneut auf die entscheidende Frage gekommen: Lohnt sich der Master tatsächlich?

Während ich am Nachmittag im Gras auf dem Campus saß, kam mir öfter der Gedanke “Kauf ich” (immerhin rund 18.000 USD pro Jahr), inzwischen bin ich jedoch wieder etwas bedenklich.

Aber noch ist genug Zeit, um diese Entscheidung zu fällen, sodass ich nun weiter zur Google I/O kann und mir in diesem Zuge die Vorzüge von Central SF und der Technik-Community rund um die Bay genauer ansehen kann.

 

* der Bubble-Effekt ist die Idee einer großen Blase, in der sich die jeweilige Uni befindet: Abgeschnitten von äußeren Einflüssen lebt man als Student in einer Art Parallel/Mini vielleicht sogar Scheinwelt.

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