Wie man Probleme schafft

September 8th, 2009  |  Published in Finnland  |  6 Comments

Ein Manuskript. Nicht ganz chronologisch, stark paraphrasiert.

Man nehme:

  • einen Raum in einer Hochschule
  • ca. 20 total übermüdete Studenten, die noch den Restalkohol der vergangenen Party verarbeiten
  • einige wohlwollende, leicht aufgebrachte, teils emotional involvierte studentische Betreuer
  • Zwei ältere Mitarbeiter der Universität (guter Cop, böser Cop)

“Wir haben euch heute hier zusammengerufen, weil zum wiederholten Male Beschwerden wegen Lärmbelästigung beim Vermieter des Studentenwohnheims eingegangen sind. Der Vermieter will euch nun alle rausschmeißen.”

Entsetzen, Empörung, Stille, leichte Widerworte.

“Wir waren davon ausgegangen, dass wir euch wie Erwachsene behandeln können, aber das war wohl ein Fehler. Einige von euch mögen die Ernsthaftigkeit der Situation noch nicht ganz verstanden haben, aber bedenkt bitte, dass ihr es mit solchen Aktionen allen zukünftigen Austauschstudenten wesentlich schwerer macht.”

“Wir werden morgen eine Krisensitzung mit dem Vermieter halten, und es werden Mitteilungen über den Vorfall an eure Heimatuniversitäten versendet.”

Spaß: “Aber ich war gestern Abend in Helsinki, nicht hier.”

Isolierung: “Ich hab keine laute Musik gehört?”

Zorn: “Wer hat sich denn da beschwert? Warum sind die nicht erst zu uns gekommen?”

Verhandeln: “Ja, aber solche Regeln zum Feiern hätte man uns vorher sagen müssen. Bei uns in Spanien ist das alles ganz anders…”

Akzeptanz/Logik: “Ok, aber die können uns gar nicht alle rausschmeißen.”

Als Comic Relief der Auslandsbeauftragte der Uni: “Ich bin gerade nicht ganz im Bilde, aber… Wir wissen die Partnerschaften mit dem Ausland sehr zu schätzen, und egal was passiert, Ihr seid hier immer noch herzlich willkommen.”

Und der Reality Check für alle, die sich lustig machen: “Studentenwohnungen sind in ganz Finnland begehrt, die werden schnell wieder vermietet.”

Was war da los?

Man nehme:

  • ca. 30 Studenten (aus Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, Holland, Belgien, Deutschland, Polen, Russland uvm.)
  • 1 Studentenwohnheim, ca. 2 km vom Stadtkern entfernt
  • 1 Erasmus-Austauschprogramm: Einführungswochen im August, reguläre Vorlesungen ab erst Mitte September, ergo
  • viel Freizeit

Das Ergebnis:

2er bis 6er Zimmer, oft mit Landsleuten, gleicher Sprache, und ähnlichem Interesse: Party. Jeden zweiten Abend hängt eine Nachricht im Fahrstuhl à la “Party bei den Portugiesen im 6. Stock, alle Nationen willkommen”. Kennenlernen, Musik hören, Alkohol, Spaßchen hier, Tänzchen da. Lärm überall.

“Und, wann warst Du im Bett? – So gegen 5.”

Eine Mischung, die auf Dauer nicht gut gehen konnte. Das Ergebnis (neben der Bilderflut auf Facebook und den zu kurzen Nächten) trifft nun alle: “Und glaubt nicht, dass Ihr euch mit ‘ich war nicht dabei’ rausreden könnt. Das betrifft jeden, egal welches Zimmer.”

Einige Gespräche im kleinen Kreis später: “Und, was werden die bei eurer Heimat-Uni in Spanien dazu sagen, wenn sie das mitkriegen? – Die fragen höchstens, ob’s denn gut war. Und hier kommt’s auf die Titelseite: ‘Erasmus-Studenten feiern Party.’”

Das Gegenstück am Mittagstisch: “Wenn das zu Hause raus kommt, schmeißen die uns raus. So was bleibt in der Akte. Egal ob du vorher die 20.000 € Studiengebühren bezahlt hast, oder nicht.” später dann “… aber die Feier war gut.”

Und bei mir? Da ich letzte Nacht um 10 im Bett war, und damit einer der wenigen Ausgeschlafenen im Raum war, konnte ich die Reaktionen aus etwas distanzierterer Perspektive beobachten. Meine Webrecherche sagt mir jedenfalls, dass man ohne vorige schriftliche, persönliche und nachverfolgbare Mahnung nicht einfach aus seiner Wohnung geschmissen wird. Und dann ist da noch die einmonatige Kündigungsfrist, gerichtliche Einspruchsmöglichkeit, und manches mehr. So schnell nehm ich die gerade angekommenen Poster noch nicht von der Wand ab. Für den Fall der Fälle sprech ich aber morgen mal mit einem Studienkollegen, der arbeitet beim Immobilien-Makler…

Heute Nachmittag hängt eine neue Nachricht im Fahrstuhl:

“Die Party ist zu Ende.”

Fortsetzung folgt.

  • Wie kann man denn bitte um 10 Uhr schlafen gehen, wenn da anscheinend die beste Party lief?
    Sag mir das!

  • :-) Augen zu, und durch. Ganz einfach :-P
    Aber im Ernst, es soll ja Menschen geben, die mehr als 4 Stunden Schlaf im
    Durchschnitt brauchen. Und da gehör ich dazu.

    Spießig, aber wahr.

  • Tobi

    Björn, ich bin enttäuscht. =)

  • So, ihr hattet Spass?
    So muss das doch auch sein... also ich bin ja ganz froh, dass in meinem Wolkenkratzer zumindest auf den Stockwerken 51-56 keine empfindlichen Personen wohnen.
    Wir haben regelmaessig am WE bis zu 40 Personen in unserer 50qm Wohnung und in der Woche min 2-3x Vorgluehen zum Ausgehen.

    Ist wohl das Los, wenn man die Wohnung mit der zentralsten Lge und der mit Abstand besten Aussicht hat. Mir gefaellts, auch wenn nach 14 Tage fast Dauerdicht irgendwann die Luft raus ist...

    Und wer behauptet, man braeuchte mehr als 3 Tage fuer einen 11 Seiten Aufsatz?
    Ich geh dann mal wieder tippen... Donnerstag ist die naechste Party und ich habe noch 3 Artikel vor mir.

    lg aus Sydney
    Andre

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